Investmentphilosphie

Wie versprochen, direkt ein zweiter Beitrag – diesmal soll es um meine „Investmentphilosphie“ gehen. Und wir starten mit einem Monster-Disclaimer: Ich glaube persönlich, dass für die meisten Privatanleger ein simpler ETF-Sparplan auch weiterhin eine sinnvolle Investmentstrategie darstellen kann. Auch wenn ich selbst mittlerweile größtenteils anders anlege und nur noch wenige ETFs im Depot habe, halte ich diese Art des „aktiveren“ Investierens nur für einen kleineren Teil der anlegenden Menschen für sinnvoll. Warum? Auf der einen Seite kostet es viel Zeit, ein Einzelwerteportfolio aufzubauen und zu pflegen. Auf der anderen Seite ist die Fehleranfälligkeit natürlich umso größer und es besteht eine gewisse Verführung, sich selbst massiv unter Druck zu setzen, „den Markt out-zu-performen“. Das ist explizit nicht mein Ziel – zumindest nicht im klassischen Sinne. Aber dazu gleich mehr!

Legen wir einmal mit dem „Beginn“ meines Weltbildes los: Bis 2020 habe ich hauptsächlich ein breites ETF-Depot gefahren, flankiert durch ein paar selektiv ausgewählte Einzelwerte und verrücktere Volatilitäts-Plays. Dann hat sich aber etwas in meinen Augen fundamental verändert, wie man hier schön an der Fed-Bilanz sehen kann:

(Um ganz genau zu sein: Die „Fed“ ist keine Bank und hat keine direkte Bilanz, sondern besteht aus mehreren Komponenten. Schön visualisiert ist das hier.)

Um einen Zusammenbruch des globalen Finanzsystems zu verhindern, haben die großen Notenbanken (insbesondere die Federal Reserve) milliardenschwere Anleihe-Kaufprogramme aufgesetzt. Ich weiss, dass auf vielen (aus meiner Perspektive zu größeren Teilen höchst unseriösen Social-Media-Kanälen) diese Kaufprogramme meist genutzt werden, um den Leuten Angst zu machen. Das möchte ich explizit nicht. Selbstverständlich sehen wir die Auswirkungen dieser Rettungsprogramme (Inflation!) und ich verstehe die in Teilen berechtigte Kritik an dem Ausmaß des „Geld-Druckens“, aber ich wüsste auch nicht, was man groß hätte anders machen können – dazu gerne mal an derer Stelle mehr.

Wie hat das jetzt meine Investmentphilosophie geprägt? Am besten lässt sich das am sog. „Buffett-Indikator“ visualisieren. Dieser nimmt die gesamte Marktkapitalisierung aller US-Aktien (gemessen am Wilshire 5000) und teilt diese durch das BIP. Im Wesentlichen zeigt euch das, wie „teuer“ Aktien im Vergleich zur Wirtschaftsleistung in den USA sind. Die Grafik spricht für sich selbst:

Man sieht deutlich, wie seit 2020 nochmal eine Schippe auf das Ratio draufgelegt wurde. Dieser Effekt wurde vor allem durch die bekannten (und auch weniger bekannten) Tech-Aktien getrieben, welche in den Marktindizes ein relativ hohes Gewicht haben (schön zu sehen z.B. hier und hier). Warum vor allem diese Werte von den Zentralbank-Maßnahmen profitiert haben? Ganz einfach: Wenn euer Business viel Wachstum aufweist, dann ist der „faire Wert“ eures Unternehmens anfälliger bzgl. Zinsänderungen – man spricht von sog. „High-Duration-Assets“. Das Ganze habe ich vor langer Zeit mal anhand eines Instagram-Posts visualisiert:

Hier schauen wir uns zwar den Fall steigender Zinsen an, das Szenario mit sinkenden Zinsen ist aber auch enthalten – ihr müsst das Bild nur rückwärts lesen: Die fiktive Tech Aktie steigt von 193€ auf 200€, während die Tabak-Aktie nur von 197€ auf 200€ steigt.

Glaube ich, dass wir die nächsten Jahre signifikant höhere Zinsniveaus sehen werden und damit die ganze Blase platzt? Nein! Tatsächlich beginnt der Markt vor allem in den USA mittlerweile schon wieder Zinssenkungen in 2-3 Jahren einzupreisen. Ob es dazu kommt, weiss ich nicht. Ich möchte mich aber versuchen, etwas unabhängiger vom Zinsniveau zu machen.

Warum also jetzt eher weg von den großen und bekannten Indizes? Ich glaube, dass die breiten Märkte und die klassischen Mega-Caps in einem restriktiveren Markoumfeld nicht mehr das starke Wachstum aus der Vergangenheit werden replizieren können. Vereinfacht gesagt, wird in meinen Augen Microsoft weiterhin ein tolles Unternehmen sein, aber dessen Marktwert wird nicht mehr so rasant steigen wie die letzten 10 Jahre. Dem könnte man natürlich etwas entgegenwirken, in dem man sich mit ETFs über verschiedene Länder und Branchen diversifiziert. Generell gehen professionelle Marktbeobachter aber davon aus, dass dies schwer werden wird. Aktuell erscheinen viele traditionelle Assetklassen stark korreliert:

Quelle: Guggenheim (+1.00% steht hier für eine Korrelation von 1; fragt mich nicht, woher die komische Notation kommt)


Wie gehen professionelle Investoren mit der aktuellen Lage um? Eine Gruppe von Anlegern, die ich sehr gerne verfolge, sind die Endowmentfunds der großen US-Elite-Universitäten – vermutlich mit die anspruchvollsten Investoren der Welt. Eigentlich könnte ich dazu schon einen eigenen Blogbeitrag verfassen (und habe das auch schon in mehreren Posts auf Instagram aufgegriffen, z.B. hier). Versuchen wir das trotzdem hier in sehr kurzer Form und beginnen mit der Performance:

Das MIT scheint also die beste Anlagestrategie zu haben bzw. zumindest gehabt zu haben („past performance is not a reliable indicator for future performance …“). Was macht also das MIT anders als z.B. Harvard? Die Antwort finden wir hier:

Der Performance-Unterschied erklärt sich dadurch, dass das MIT seit langer Zeit (ich kenne nicht-öffentliche Charts, die noch vieeeel weiter zurückgehen) begonnen hat, vermehrt auf sog. Alternative Assets zu setzen. Im Gegensatz zu traditionellen Aktien („public equity“) sind das u.a. Hedge Funds (hier vereinfacht als „absolute return“ bezeichnet), Private Equity und Private Credit (noch relativ junge Assetgruppe). Einen detallierteren Einstieg zu diesen Themen findet ihr ebenso bei mir auf Instagram hier und hier. Kurz gesagt, können Alternative Assets zum breiten Markt unkorrelierte Renditen erzeugen und damit auch dann Diversifikation bieten, wenn dies in den „public markets“ nicht mehr so ohne weiteres möglich ist. Das generelle Problem für uns als Privatanleger ist aber, dass uns gute Alternative Asset Manager nicht zugänglich sind. Es gibt zwar erste Plattformlösungen (insbesondere für Private Equity) und Start-Ups, die „tokenbasiert“ Investitionen in solche Assets ermöglichen wollen, allerdings halte ich diese Ansätze für viel zu teuer. Zusätzlich werden dort meist entweder eher schlechte oder maximal Standard-Funds angeboten.

Wie sieht also jetzt meine Lösung aus? Ich versuche nun seit einiger Zeit an beiden oben genannten Punkten (Makroumfeld, Alternatives) anzusetzen:

  1. Ich habe seit Mitte 2020 ein Einzelwerteportfolio aus rund 100 Wertpapieren aufgebaut. Hierbei konzentriere ich mich in wesentlichen Teilen auf Unternehmen bzw. Branchen, die bereits heute hohe Gewinne erzielen („low duration assets“) und damit weniger sensitiv bzgl. Veränderungen im Zinsniveau sind.
  2. Ich achte bei der Werteauswahl auch darauf, dass die erzielten Gewinne zu einem bedeutenden Anteil auch ausgeschüttet werden. Das löst natürlich Steuerpfichtigkeit aus, aber den klassischen „Zinseszinseffekt mit thesaurierenden ETFs“ hat man aufgrund des neueren Investmentsteuerreformgesetz sowieso nicht mehr komplett. Die Ausschüttungen werden entsprechend aktiv reinvestiert. Dafür nutze ich hauptsächlich den Neobroker justTRADE (*) aufgrund der 0-EUR-Ordergebühr und den dort verfügbaren drei Handelsplätzen. Die Reinvestition von Ausschüttungen hilft mir auch bei der Re-Gewichtung des Depots.
  3. Zu guter Letzt versuche ich, möglichst viele „Alternative“-ähnliche Aktien mit aufzunehmen. Das erfordert zwar immer eine längere Suche, aber es gibt tatsächlich auch Alternative Assets, die in Form von klassischen Wertpapieren handeln. Ein Beispiel hierfür wäre der Round Hill Music Royalty Fund (keine Anlageempfehlung!). Auf meiner Depot-Seite könnt ihr diese „Alternative“-ähnliche Aktien unter den Sektionen „Private Equity & Hedge Funds“ und „Private Credit“, aber auch teilweise in den einzelnen Branchen finden. Beispielsweise unter „Healthcare“ liegen die Royalty Pharma und Biopharma Credit, zwei Investmentvehikel von Pablo Legorreta (keine Anlageempfehlung!).

Mein generelles Ziel ist es nicht, den breiten Markt zu schlagen – ich bin nicht so vermessen, zu glauben, dass mir das mit massivem Alpha gelinkt. Ich möchte dagegen ein Portfolio bauen, welches möglichst in allen Marktphasen erfreuliche Renditen erwirtschaftet. Man könnte also höchstens von „risk-adjusted outperformance“ sprechen. Ob mir das am Ende gelinkt? Das wird natürlich nur die Zeit zeigen 😉

Wenn ihr mehr zu meiner Investmentphilosophie hören wollt, findet ihr hier ein paar weiterführende „Auftritte“ von mir:

(a) Interview mit Richy von der Börse Stuttgart zu meinem Depot
(b) Podcast-Gespräch mit Leo Ginsberg vom Business Insider zu Alternative Assets

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